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Die Zerstörung des Bingeberg in Hauset Flög

In diesem Blog möchte ich die Geschichte der Ausbeutung der Sandgrube am Bingeberg im Hauseter Weiler Flög  aufzeichnen, so wie ich sie als Anwohner erlebt habe und wie sie in den meinem eigenen Archiv und in denen der Medien wiedergegeben wurde. Ich selbst habe die Entwicklungen seit 1975 teilweise initiiert und begleitet, infolge haben Bürgerinitiativen und Umweltschutzorganisation die Ereignisse zwanzig Jahre lang besonders aufmerksam beobachtet und auch manche Beschwerde geführt. Durch die Prozesse zu Lasten der Brüder Falkenberg, die 2008 endeten, kam doch noch ans Tageslicht, was sich in der Sandgrube Flög alles abgespielt hatte. Es zeigte sich, dass die Auflage der Renaturierung in keiner Weise berücksichtigt wurde, sondern dass mit immer neuen Müllablagerungen versucht wurde, die Ausbeutung der Grube für die eigene Bereicherung fortzusetzen.  Heute, über vierzig Jahre nach dem Beginn der Ausbeutung,  ist der Bingeberg noch immer eine "Umweltruine", so wie wir dies aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert von den Kohlenhalden und den Steinbrüchen oder Kalkwerken in unserer Gegend her kennen. Belastetes Material oder selbst Giftmüll wurde nie entfernt, die Grube bleibt bis heute sich selbst überlassen.  

Vorab möchte ich den Umweltverbänden und Umweltschutzorganisationen, Terra Ostbelgien, Aves, der Raupe und vielen anderen, wie meiner Familie, der Partei Ecolo, den Freien Bürgerlisten und den vielen umweltbewussten Teilnehmern an den verschiedenen Initiativen danken, für die Begleitung in turbulenten Zeiten. Sie stehen beispielhaft für das wachsende Umweltbewusstsein in unserer Heimat hier in Ostbelgien und in der Gemeinde Raeren insbesondere. Die Bürger waren jedenfalls weiter als die Verantwortlichen der Gemeinden und die übergeordneten Behörden. Die Gerichte haben am Ende zwar Recht gesprochen, mehr aber aufgrund der kriminellen Machenschaften der Betreiber, weniger aus Wertschätzung für die Natur und die Umwelt. Man kann hoffen, dass es heute anders ist.

 

V.i.S.d.P.:   Walther Janssen (dialog@waltherjanssen.eu) 

Die vollständige Geschichte finden Sie in meinem privaten Blog unter folgendem Link:

https://www.waltherjanssen.eu/2020/09/14/die-geschichte-der-sandgrube-in-der-fl%C3%B6g-zu-hauset/

 

Die Sandvorkommen in Hauset

Immer wenn bei einem größeren öffentlichen Bauvorhaben in unserer Region darum ging, Betonpisten zu bauen, erinnerte man sich daran, das in der kleinen Gemeinde Hauset entlang der Grenze zu Aachen, bedeutende Sandvorkommen schlummerten, die im Verbund mit Zement für diesen Beton dringend benötigt wurden. So war es schon geschehen in den frühen 1950-er Jahren, als hunderte, wenn nicht tausende Armeekippfahrzeuge durch den Ort fuhren und den gelben Rohstoff Richtung Lager Elsenborn brachten, wo Pisten für Kettenfahrzeuge errichtet wurden. Damals wurde die kleine Sandgrube Flög (später ein Schießstand für die Schützenvereine) dafür ausgebaut, um nicht zu sagen ausgebeutet. Diese kleine Sandgrube entstand in den 1930-er Jahren und diente eigentlich nur dem Bedarf der Gemeinde und seiner Bewohner, weshalb sie auch noch sehr klein war zu dieser Zeit. Wir als Anwohner und Kinder waren natürlich beeindruckt von dem Auftritt der Soldaten im zivilen Einsatz und hatten unseren Spaß dabei. Als dann die neue Autobahn gebaut wurde, zu Beginn der 1960-er Jahre, erinnerte man sich wieder an diese Sandgrube und sie wurde noch einmal erweitert, wenn auch Gott sei Dank nicht so viel. Inzwischen war nämlich auch im Hergenrather Wald in Brennhaag eine Sandgrube entstanden, wo die Abfuhr von Sandvorkommen wesentlich leichter war. Da der Bedarf aber nicht befriedigt werden konnte, stellte der Unternehmer Victor aus Malmedy 1975 einen Antrag an den Hauseter Gemeinderat, mit dem Ansinnen, am Bingeberg in der Flög eine Sandgrube zu errichten. Da ich zu dieser Zeit selbst Gemeinderatsmitglied war und auch Anwohner, initiierte ich sofort eine Bürgerinitiative, die "Schutzgemeinschaft 'Rettet den Hauseter Wald'. Der Hauseter Gemeinderat erlebte gerade seine letzten Tage, denn am 1. Januar 1977 hörte die Gemeinde Hauset auf zu bestehen und das Dorf war nun ein Ortsteil der Gemeinde Raeren. Somit erklärte sich der Gemeinderat unter Bürgermeister Aussems, dem auch ich angehörte,  im Dezember 1976 für nicht mehr zuständig und verwies den Unternehmer an die neue Gemeindeverwaltung. 

 

Genehmigung durch das BSK in Raeren März 1977

Danach ging alles sehr schnell. Das Raerener Bürgermeister- und Schöffenkollegium mit Bürgermeister Schumacher an der Spitze, setzte den Antrag für die Ausbeutung einer Sandgrube bereits am 21. März 1977 aus die Tagesordnung des Gemeinderats. Das Grenz-Echo titelte danach, das "niemand gegen den Sandabbau in Hauset" war.  Somit wurde die Errichtung einer Sandgrube am Bingeberg in der Flög unter bestimmten Auflagen genehmigt. Eine wichtige Auflage war es, den Betriebsweg zur Abfuhr des Sandes zu bauen. Dieser führte etwa 300 m über den Gemeindeweg Flög und dann nochmal 400 m über einen privaten Weg entlang der Wiese Schauff. Dort mündete der Weg in die Aachener Straße.  Den Zuschlag hatte die Firma Falkenberg aus Kettenis erhalten, die auch sofort loslegte und mit der Einrichtung der Infrastruktur begann. 

 

Als betroffener Anlieger hatte ich zunächst im Rahmen des Commodo Incommodo Verfahrens Einspruch erhoben gegen die Errichtung dieser Sandgrube, da nun aber alles gelaufen war, blieb mir nur der Weg über die Gerichte bzw. den Staatsrat, der für Einsprüche gegen Gemeinderatsbeschlüsse zuständig war. Ich glaube dies ist auch heute noch so.  Bereits am 27. April 1977 reichte ich mein Gesuch ein. Dieses Verfahren zog sich aber über Jahre hin und da kein Schnellverfahren oder Moratorium möglich war und es auch nicht so etwas wie eine einstweilige Verfügung gab, hatte meine Beschwerde kaum Aussicht auf Erfolg. In wenigen Monaten waren bereits Tatsachen geschaffen und der nächste Schriftsatz datierte vom Mai 1978. Am 3. Oktober 1980 wurden die Parteien aufgefordert, ihren Standpunkt darzulegen. In diesem Zeitraum war natürlich die Sandgrube Bingeberg schon vollkommen erschlossen und die Ausbeutung weit fortgeschritten. Sogar eine Erweiterung war bereits genehmigt. Aus den Schriftsätzen konnte ich eine bescheidene Genugtuung dahingehend herauslesen, das die Verpflichtung bestand, den "Eingriff in den Sektorenplan" wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen, also zu renaturieren. Von Müllablagerungen oder Deponien war also nie die Rede. Aufgrund der Aussichtslosigkeit warf ich das Handtuch und teilte dem Staatsrat am 6. Januar 1981 die Zurücknahme meiner Beschwerde mit und die Akte wurde am 6. Mai 1981 geschlossen. 

 

 

Müllablagerungen

Mit der Zeit wurde allerdings immer lässiger mit den Auflagen umgegangen, die Absicherung war kaum vorhanden (vom Landgraben fiel man in ein 20 m tiefes Loch), der Weg war natürlich sehr verdreckt, da er nur aus Schotter bestand, eine Zumutung für die wenigen Anlieger aber vielen Spaziergänger (diese wurden über einen Trampelpfad geleitet, der durch die nahen Fichten verlief). Die Renaturierung fand nicht statt, neuer Baumbestand wurde nur spärlich gepflanzt. Stattdessen stellte die Firma Falkenberg 1978 einen Antrag auf Erweiterung, dem stattgegeben wurde. 

 

Bereits im Februar 1979 kamen auf einer Gemeinderatssitzung erste Zweifel auf, was die Einhaltung der Auflagen durch die Firma Falkenberg betraf.  Kurz zuvor hatte in der Grube Bauschutt gebrannt und außerdem hatte Falkenberg auf illegale Weise mit der Befüllung der Sandgrube begonnen. Das BSK wiegelte aber ab, die Verbrennung sei keine  Absicht gewesen, sondern ein Fehler eines Arbeiters von Falkenberg.  Und obschon das Kollegium darauf hinwies, dass nach Abschluss der Arbeiten (gemeint war die Ausbeutung der Grube) die Firma Falkenberg ja ohnehin das Gelände in Ordnung bringen müsse, machte die Firma munter weiter. Wie wir alle später erfahren haben, war dies der Beginn einer illegalen und umweltbelastenden Verfüllung der Grube, die zu einem ebenso lukrativen wie kriminellem Geschäft für die Brüder Falkenberg wurde. Dies hinderte die Gebrüder Falkenberg jedoch nicht daran, in 1979 auch noch die Erweiterung der Sandgrube zu beantragen, in Richtung der kleinen Sandgrube Flög, die inzwischen längst stillgelegt worden war (allerdings auch ohne jemals renaturiert zu werden - der Schießstand war dann noch die "sauberste" Lösung. Was die Erweiterung um 10 ha betraf, so hatten sich wohl diesmal die vier Hauseter Mitglieder des Gemeinderats der Stimme enthalten (zumindest nach Aussage des Ratsmitglieds Mathieu Aussems, dem letzten Hauseter Bürgermeister. 

 

 

Die illegale Verfüllung der Sandgrube

Wenn auch offiziell keine Mülldeponie errichtet wurde, so war die Firma Falkenberg eifrig mit der Auffüllung der Grube beschäftigt. Erst Jahre später sollte zum Vorschein kommen, was da eigentlich abgelagert wurde. Auch der Sandabbau ging natürlich weiter, die Erweiterung wurde allerdings nicht in Angriff genommen.

 

Anfang 1983 tauchte dann doch ein neuer Antrag an die Gemeindeverwaltung auf, mit dem Ziel, eine Mülldeponie zu errichten, entgegen dem was man bisher immer wieder beteuert hatte. Das Grenz-Echo bestätigte, dass 17 Beschwerdeschreiben gegen die Deponie in der Gemeindeverwaltung eingegangen seien, ein Schreiben davon alleine mit 30 Unterschriften von Anwohnern und Zolldeklaranten. Auch die Minderheitsfraktion (FBL) im Gemeinderat war gegen eine Müllgrube in der Flög. Das Tiefbauamt der Stadt Aachen hatte ebenfalls Protest eingelegt. 

 

Am 28. März 1983 kam im Grenz-Echo zumindest zum ersten Mal der Verdacht auf, dass "unsauberes" Material in der Flög abgeladen wurde. Die Gemeinde und auch die Mathieu Falkenberg verwehrten sich gegen die Vorwürfe und man bezog sich auf zwei Gutachten, die man in Auftrag gegeben hatte. Doch nun kam auch Ecolo auf den Plan, denn auch in der Grube Brennhag gab es ähnliche Vorwürfe. Die Permanentdeputation untersuchte nun im Rahmen des Genehmigungsantrags für die Errichtung einer Mülldeponie die Ablagerungen sowohl im Flög wie auch in Brennhag. Am 9. Dezember 1983 stand, wiederum im Grenz-Echo, zu lesen, dass dem Antrag der Gemeinde nach Errichtung einer Mülldeponie nicht stattgegeben wurde. Diesen Erfolg nahm sowohl Ecolo für sich in Anspruch, aber auch die SP-Fraktion im Gemeinderat unter Marcel Lejoly, hier wegen deren "langen Arm" zu ihren Parteifreunden in der Permanentdeputation. 

 

Was geschieht mit dem Loch am Bingeberg?

Die Ablagerung von Müll war also abgewendet, nur die Gemeinde selbst lagerte dort Sperrmüll, was sicher auch nicht legal war, sah man doch Kühlschränke und andere technischen Geräte in dem Abfall. Das wilde Deponieren ging also weiter. Im Oktober 1986 tauchten dann auch suspekte Fässer auf. Die Umweltschutz- organisation "Die Raupe" stellte die passenden Fragen. Die Gemeinde in der Person von Schöffe Walter Scheiff, wiegelte aber ab, alles paletti meinte er, und die Betriebsgenehmigung für Falkenberg laufe ohnehin Ende des Jahres 1986 aus. 

 

Der Bingeberg war also zerstört, eine Renaturierung sollte es nicht geben. Für die Zukunft war vollkommen unklar, was mit dem gigantischen Loch, dort wo einst der Bingeberg war, überhaupt geschehen solle. Und so tauchte 1987 das Thema der Verfüllung der Sandgrube erneut auf. Dies sollte nun mit inertem Material geschehen. Es geschah allerdings nichts neues, denn noch im Oktober 1989 machte man sich im BSK laut Grenz-Echo "... Gedanken, was mit dem Riesenloch in der Sandgrube Flög geschehen soll".

Foto:  Archiv Grenz-Echo 30.03.1983

 

Der Antrag der Firma SoTraEx für Recycling

So tauchte 1991 ein Angebot auf, in der Sandgrube Flög ein mobiles Bauschutt-Recycling-Gerät aufzubauen und diesen Bauschutt dort zu verfüllen. Wieder gingen zahlreiche Einsprüche gegen den Antrag ein, man sprach von über 200. Damit war das Thema zunächst vom Tisch, aber die Firma SoTraEx aus Eupen gab nicht auf und stellte einen Antrag zur Verfüllung der Sandgrube mit Bauschutt. Auch wollte man diesen mit Steinbrechern recyclen. Es kam im März 1993 erneut zu einer Informationsversammlung der Verantwortlichen der Gemeinde, mit Bürgermeister Fagnoul und Bauschöffe Erwin Güsting. Auch die Umweltschutzorganisationen Terra, Aves und Wendepunkt schalteten sich ein. Nach einem heftigen verbalen Schlagabtausch platzte auf der Gemeinderatssitzung vom 30. März 1993 die Bombe: die Verfüllung der Flög war vom Tisch.  Was aber mit dem Loch geschehen solle stand noch in den Sternen. 

Foto:   Archiv Grenz-Echo 25.10.1986

 

Die Verhaftung von Mathieu und Günther Falkenberg

Einige Jahre später, zu Beginn des Jahres 1997, wurden die Gebrüder Falkenberg verhaftet und sie verweilten 4 Monate in Untersuchungs- haft. Sie wurden mit einigen anderen Personen verschiedener Delikte angeklagt, von Umweltvergehen über Geldwäsche und Korruption. Die Prozesse zogen sich über Jahre hin. Sie begannen dreizehn Jahre nach den Vergehen in den frühen 80-er Jahren. Im Verfahren ging es sowohl um die Gruben Brennhag und Flög, sowie eine weitere in der Provinz Lüttich. Der Prozess vor dem Strafgericht in Lüttich endete 2006 mit einer Verurteilung der Brüder Falkenberg. Sie gingen allerdings in Berufung und der Affaire landete vor dem Appellationshof in Lüttich. Dieser hielt 2008 die Verurteilung aufrecht, die Strafen fielen etwas milder aus.

 

Foto: Archiv Grenz-Echo 16.07.2020

Dreißig Jahre Umweltskandal

Somit endete nach über dreißig Jahren (1977-2008) ein Umweltskandal, der verharmlosend immer als der Fall der „Sandgrube Flög“ bezeichnet wurde. Über drei Jahrzehnte ist der idyllische Weiler im Ortsteil Hauset in den negativen Schlagzeilen gewesen und das Ganze hat kein gutes Licht auf die Behörden und deren Vertreter geworfen. Der Umweltschutzgedanke war 1977 noch nicht besonders ausgeprägt, allerdings wurde er von Jahr zu Jahr stärker und die Bürger merkten sehr schnell, dass sie doch Einfluss nehmen konnten auf die Geschicke der Politik. Nur die handelnden Politiker hinkten hinterher. Heute meint man, es hat sich daran nichts geändert.

 

Was die Sandgrube Flög betrifft, so befindet sie sich im Jahr 2020, also vierzig Jahre danach, noch immer im Zustand von vor zwanzig Jahren. Der Bingeberg ist zerstört und über das vorhandene Loch habe ich mal irgendwann erfahren, dass es wohl nie mehr verfüllt würde. Es seien dort schon seltene Tiere anzutreffen (sic). Die Grube wurde sich selbst überlassen, die hat sich auch dadurch selbst renaturiert. Die giftigen Abfälle und der illegal abgeladene Müll blieb vor Ort, die Grube wurde auch nicht saniert. Die Inzwischen hoch gewachsenen Bäume und Sträucher verdecken den Blick in das nach wie vor bestehende "Loch", das auch nebenbei gesagt auch nur dürftig abgesichert ist. Sinnvoll wäre es gewesen wenigstens die Talsohle mit Erdreich (aus dem Rheinischen Tagebau) anzuheben und auch die Seiten mit Erdreich abzuschrägen. Ob eine solche Teilsanierung noch Sinn macht, bleibt dahingestellt. Allerdings kann man damit kein Geld verdienen, es wird höchstens Geld kosten. Aber um das rentabel zu gestalten braucht man auch ein Nutzungskonzept, das die Umwelt schont und attraktiv für die Menschen ist. So wie es jetzt ist, bleibt der Wald wohl für immer für die Menschen gesperrt, hoffen wir dass es den Tieren Freude macht. 

 


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