Die Jugendherberge zu Hauset

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gebäude an der Göhl, heute in der Göhlstrasse gelegen, allgemein als Jugendherberge bekannt und dient bis heute als Wohnhaus. Die Geschichte geht allerdings weit in das 19. Jhd. zurück, denn das Gebäude war um 1825 eine Vollmühle und im Rheinischen Mühlenverzeichnis als solches vermerkt. Damals befand sich die Mühle im Besitz des Aachener Industriellen und Tuchfabrikanten Nellessen, bis genau zu welchem Jahr ist hier nicht recherchiert. In der zweiten Hälfte des 19. Jhd. befand sich die Mühle im Besitz der Firma Bischoff & Bohlen, ebenso wie die bachaufwärts gelegene Fingerhutsmühle, und ging dann gegen Ende des Jahrhunderts wohl in den Besitz der Familie Bohlen über. 

Der Eupener Maler Holler hat die Mühle in den 1930er Jahren gemalt, wie auf der Ansichtskarte hier abgebildet zu erkennen. Er zeichnete die Mühle noch mit einem Wasserrad, welches sich auf der Rückseite des Gebäudes befand (das Gemäldeansicht zeigt die Mühle von Gostert aus, etwas oberhalb gelegen)  

 

 

Über die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und vor allen Dingen über die Kriegsjahre konnte in dem Heimatbuch Hauset wenig berichtet werden, da vor allen Dingen die Quellen in den Kriegsjahren nicht ausgeschöpft werden konnten. Durch das Staatsarchiv in Eupen und das Geschichtsportal geschichte.be ist dies heute leichter möglich. Bei diesen Recherchen lässt sich ein Bild  von dem erstellen, was sich seit den 30-er Jahren in der Vollmühle ereignete. Diese Angaben entnehmen wir dem Archiv der Eupener Zeitung. Diese Zeitung war in der belgischen Zeit zwischen den Kriegen so etwas wie der Gegenpol zum Grenz-Echo, also pro-deutsch eingestellt. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs stand sie dann ganz im Dienst des Naziregimes. Das Grenz-Echo hatte das Erscheinen einstellen müssen. Wir haben Veröffentlichungen, welche die Vollmühle betrafen, analysiert und folgende Episoden entnommen. 

 

 

Die Jugendherberge hatte ihre Ausstattung nach den Plänen des Regierungsbaumeisters Stahl aus Düsseldorf erhalten. Laut Eupener Zeitung wurden die Besucher der Jugendherberge von der Gendarmerie schikaniert und es fanden auch Hausdurchsuchungen bei der Herbergsleitung statt. Aber auch die Einwohner von Hauset selbst nahmen wohl nur dann an den Veranstaltungen teil, wenn sie der gleichen Gesinnung waren wie Peter Bohlen, der ja auch noch Dirigent des Musikvereins "Harmonie" war. Alleine deshalb war dieser respektable Verein, 1890 gegründet, auch eher der pro-deutschen Richtung zuzuordnen. In den wenigen Jahren die es noch dauern sollte bis zum Ausbruch des Krieges, machte sich über die Grenze hinweg der Einfluss der Parteiorganisationen der Nationalsozialisten breit, so auch in Eupen-Malmedy. Auch Hauset blieb davon nicht verschont. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg am 8. Mai 1940 und der Annexion von Eupen-Malmedy durch Führererlass vom 18. Mai 1940 war das Feld bestellt für die volle Gleichschaltung aller Organisationen und Vereinigungen, die fortan nur noch der NSDAP zu dienen hatten. Das war auch in Hauset nicht anders. Peter Bohlen verstarb wenige Tage nach der Annexion von Eupen-Malmedy am 26. Juni 1940. Es ist zu vermuten, dass auch er diesen Tag der "Rückgliederung" herbeigesehnt hatte, wie ein Teil der Bevölkerung. Das Grauen dass nun fünf Jahre folgen sollte, konnten sie alle wohl damals nicht vorhersehen. Peter Bohlen wurde in Anwesenheit von Vertretern des neuen Regimes mit allen Ehren auf dem Friedhof zu Hauset beigesetzt. 

 

 

Die Jugendherberge "Vollmühle" in Hauset

Ab dieser Zeit stand die Jugendherberge wohl ganz im Dienste der Hitlerjugend und anderer Organisationen des Reiches, dies geht aus vielen Ankündigungen in der Eupener Zeitung hervor. In einem Beitrag vom 11.10.1941 lesen wir unter dem oben aufgeführten Titel folgendes mit dem Untertitel "Erntedankfest und Kameradschaftsfeier am Sonntag" folgendes:

Zum morgigen Sonntag sind die Freunde der Jugendherberge "Vollmühle" in Hauset zu einem Herbergsfest geladen, dass als Erntedankfest und Kameradschaftsfeier seine Gestaltung finden soll. 

Und weiter lesen wir:

Aus der bunten Folge der Darbietungen ist das "Eupen-Malmedy-Sankt Vith" Treueschwurlied von Peter Bohlen (Hauset) das von den Hauseter Jugendformationen vorgetragen wird zu erwähnen. Außerdem gelangt das neue Gedicht "Den Kämpfern von Eupen-Malmedy-Sankt Vith" von Heimatdichter Dr. Ludwig Mathar zum Vortrag. Dann hören wir die von Untergauführerin Billy Bredohl verfaßten Gedichte aus der Kampfzeit. Zum Erntegedanken gibt es Erntelieder, Sprechchöre, Gedichte, Spiele und Bauernvolkstänze. Eine ganz besondere Note bekommt die Veranstaltung noch durch die Preisverteilung an den inzwischen angekommenen 7000. Gast der Herberge. Eine reichhaltige Ernteverlosung und ein gemütliches Beisammensein bei fröhlichem Erntetrunk wird sicherlich für alle eine angenehme Überraschung sein. Der Herbergsleiter bittet alle eingeladenen Gäste, die Plätze im Tagesraum der Herberge bis spätestens 17.45 Uhr einzunehmen, damit die Feier pünktlich beginnen und rechtzeitig beendet werden kann. Besucher ohne eine persönliche Einladung können aus raumtechnischen Gründen leider nicht zu der Veranstaltung zugelassen werden.

 

Die Jugendherberge war wohl somit ein Instrument nationalsozialistischen Machthaber geworden. In Hauset waren die Aktivitäten der Einrichtung sicher bekannt, inwieweit man aktiv mitmachte und in welchem Umfang ist schwer zu prüfen, da Zeitzeugen immer seltener werden. Die Jugendorganisationen traten jedenfalls im Programm mit auf, zusammen mit anderen "Größen" der Nazi-Organisationen. Auch andere Hauseter Vereinigungen werden im Terminkalender der Eupener Zeitung hin und wieder erwähnt. 

 

Man kann natürlich diese Veröffentlichung nicht kommentarlos stehen lassen. Es zeigt jedoch einiges, auch in Bezug auf die Stimmung die in Hauset in den Zwischenkriegsjahren herrschte und die sich auch nach der Rückgliederung, wie es hier so schön heißt,  noch fortsetzte. Peter Bohlen, ohne Zweifel ein Wohltäter für die Bewohner des Dorfes, hatte bereits 1926 den "Heimatbund Eupen-Malmedy-Sankt Vith" gegründet und damit eine eindeutig pro-deutsche Haltung eingenommen. Immerhin vergingen seit der Gründung bis zum Überfall der deutschen Wehrmacht 14 Jahre in denen sich in den Kreisen Eupen-Malmedy einiges abspielte. Indem Peter Bohlen sich in die Maschinerie der Nazi-Strukturen einbauen ließ, kann er sicher nicht als Mitläufer bezeichnet werden. Er verstarb kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Juni 1940. Die Jugendherberge, die er 1936 gegründet hatte, war wohl ein Hort für alle Nazi-Organisationen und diente letztendlich, wie auch die Veranstaltung zeigt, der Nazi-Propaganda.  Nach dem Kriege behielt sie bis den Namen Jugendherberge, obschon sie nicht mehr als solche diente. 

 


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